Allerdings ist diese Beitragserhöhung voraussehbar gewesen und in meinen Augen ein deutlicher Beleg für die Erfahrungsresistenz deutscher Versicherer.

Warum ist diese Beitragserhöhung bereits vor Jahren klar gewesen?

Im letzten Jahrzehnt gab es eine Menge positiver Veränderungen im PKV Bereich. Neben dem gesetzlichen Zuschlag wurde unter anderem die gesetzlichen Krankenversicherungspflicht, eine Deckelung der Abschlussprovisionen inkl. verlängertem Haftungszeitraum für Vermittler und der Basistarif für PKV Kunden eingeführt. Viele positive und leider auch unsichtbare Aspekte für alle Kunden. Diese Veränderungen, insbesondere die Versicherungspflicht (einfach gesagt: jeder Bürger muss eine Krankenversicherung haben) hat zu einem grundsätzlichen Umdenken in der Versicherungswirtschaft geführt.
Früher zählten für Versicherungsgesellschaften (bis 2009) nur die Stückzahl an Neukunden im Neugeschäft. Die Unternehmen haben sich laufend unterboten mit neuen billigen und leistungsschwachen Tarifen. Es wurde auf die Masse einer neuen selbständigen Subunternehmerkultur gezielt (Baunebengewerbe, Möbeltransporteure, Hotelreinigungskräfte, Paketfahrer, etc.) Alles Branchen mit leider sehr starken Umsatzschwankungen. Das Risiko war für den Versicherer gering: konnte ein Kunde seine Beiträge nicht mehr zahlen wurde er schlicht gekündigt. Leistungen haben diese Kunden selten gebraucht. Durch die Gesundheitsprüfung bei der Antragstellung mussten die Kunden gesund sein. Gute Beitragseinnahmen, gesunde Kunden und die Möglichkeit Kunden bei Nichtzahlung der Prämie direkt kündigen zu können; kein schlechtes Geschäftsmodell für Versicherer.
Eine breite Masse an Geringverdienern wurde mit sehr günstigen Tarifen geködert. Sie müssen dazu wissen, dass Tarife durch zwei Möglichkeiten günstig auf dem Markt gebracht werden können: entweder kalkuliert man nur geringe Alterungsrückstellungen ein (was langfristig ungut ist) oder man lässt Leistungen weg (was auch langfristig ungut ist). Oder natürlich beides. Doch zum 01.01.2009 schob der Staat der Sache einen Riegel vor. Plötzlich konnte man Kunden mit Beitragsrückständen nicht mehr kündigen. Gut für die Kunden: auch bei Nichtzahlung der Beiträge mussten die Versicherer weiter Leistungen erbringen. Es wurde sehr teuer für die Versicherer. Und die Sprache "teuer" versteht jeder Versicherer sofort. Teilweise bauten die Unternehmen enorme Beitragsrückstände auf, durch die massenhafte Akquise von wenig liquiden Zielgruppen.
Diese Erfahrungen hat dazu geführt, dass Versicherer Billigtarife weitgehend vom Markt genommen haben. Zusätzlich wurden die Annahmekriterien für Neukunden stark verschärft. Manche Berufsgruppen sind heute nicht mehr versicherbar. Lediglich die AXA, Hanse-Merkur und die Continentale (auch noch einige andere Versicherer, aber diese spielen aufgrund geringer Neukundenumsätze eine untergeordnete Rolle) haben noch mit sehr günstigen Beiträgen geworben.

 

Besonderheit:

Die Continentale hat nicht nur die billigsten Tarife am Markt angeboten (2010, 2011, 2012, 2013, 2014), sondern zeitgleich auch noch relativ komfortable Leistungen eingefügt (Tarif Comfort: häusliche Krankenpflege, offener Hilfsmittelkatalog, ohne Primärarztprinzip, etc.). Eine Kombination von geringen Beiträgen und hohen Leistungen. Ob bei dieser Kalkulation zu Lasten der Alterungsrückstellungen kalkuliert wurde?

Die Moral von der Geschichte:

Die Continentale hat auf Massengeschäft gesetzt und viele Kunden durch billige Tarife ins Haus gelockt. Die Leistungen waren zusätzlich zu hoch angesetzt. Es war abzusehen das dieses Modell nicht funktioniert. Durch die jetzige Beitragserhöhung werden die Beiträge wieder korrigiert und die Continentale versendet viele Briefe mit unerfreulichen Beitragserhöhungen. Warum konnte man diese Tarife nicht gleich vernünftig kalkulieren? Sind 5.000 Neukunden wichtiger als 25.000 zufriedene Bestandskunden? Ein Spiel mit dem Feuer. In den letzten Jahren haben sich die Medien regelrecht eingeschossen auf die Machenschaften der PKV und deren Vorstände. Alle Beteiligten sollten wissen, dass diese Art und Weise der PKV Branche nachhaltig schadet und zusätzliche viele unzufriedene Kunden produziert.
Die Zeche zahlt der Kunde. Die Continentale Kunden haben auf die günstige und stabile Beiträge gehofft und vertraut. Und wann immer Abschlüsse auf Vertrauensbasis erzielt werden hat der Versicherer eine besondere Pflicht zur Anständigkeit. Zumal erkrankte Kunden nicht mehr wechseln können. Die Versicherer müssen langsam aber sicher ein Interesse am Erhalt der privaten Krankenversicherung entwickeln. Die Continentale hat viele Kunden mit billigen Tarifen gelockt und erhöht nun üppig die Beiträge. Dieser Stil ist so nicht in Ordnung und führt zu einer deutlichen Klimaverschlechterung für das Image der privaten Krankenversicherung.

Eigentlich sehr schade. Denn die Branche hat bereits vor 5 Jahren festgestellt, dass dieses Geschäftsmodell nicht tragfähig ist.

Grundsätzlich gilt auch für alle Continentale Kunden:

Nicht voreilig kündigen. Und wenn Sie schon Kündigen: dann kündigen Sie niemals Ihre Pflegversicherung! Diese kann immer beim alten Versicherer bleiben.

Haben Sie Fragen zu diesem Thema? Nehmen Sie einfach Kontakt auf. Unser Team hilft Ihnen gerne weiter.